Die Fundsituation
Im LAPIS 7/8 1999, Themendoppelheft über Lavrion, schrieb W.Wendel über die Fundsituation in Lavrion daß sie rundherum als gut zu betrachten sei. Dem ist im Prinzip nicht zu wiedersprechen. Dennoch stellt sich die Situation komplizierter dar. Der Sammler von Großstufen wird Lavrion als ziemlich "leergesammelt" empfinden, tun sich doch auch die einheimischen Sammler schwer neue Funde von Großstufen zu tätigen. Das es aber prinzipiell möglich ist noch Groß- und Handstufen zu finden zeigt eindrucksvoll die Sammeltätigkeit von W.Wendel. Allerdings muß man auch mal nachfragen, wie und mit welchem Aufwand solche Funde getätigt werden. Vielfach sind in einem solchen Fall mehrere Tage extrem schwieriger Kriecherrei durch engste Passagen in der Mine erforderlich um überhaupt erst einmal eine Stelle zu erreichen, an der noch Aussicht auf Erfolg besteht. Auch dann ist eine reiche "Ernte" erst nach viel Arbeit mit schwerem Werkzeug, meist unter Einsatz von Borhrmaschinen etc., möglich. Daß das nicht jeder kann liegt auf der Hand, schon gar nicht wenn man wie ich z.B. einmal im Jahr nach Lavrion fährt.
Auf der anderen Seite ist ein Neuling in Lavrion, speziell wenn er Untertage geführt wird, geradezu erschlagen von der Vielfalt der Möglichkeiten und mineralisierten Zonen. Auf den Halden findet auch ein Neuling immer noch reichlich schönes Sammlungsmaterial, besonders im Vergleich zu deutschen Erzbergbau-Fundstellen. Dies alles setzt natürlich vorraus, daß er seine Erwartungshaltung nicht an den Funden und Sammlungen der erfahrenen Sammler fest macht, sondern als Kleinstufensammler dieses Gebiet erforscht.
Und genau diese Kleinstufen- und Micromountsammler werden Lavrion als ein El Dorado empfinden, ist Lavrion in der Masse der gefundenen Stufen doch eher eine Fundstelle für Kleinstufen und Micromounts. Selbst erfahrene Lavrionsammler steigen mehr und mehr auf Kleinstufen um, da diese einfacher zu finden sind und zudem eine viel größere Zahl verschiedener Mineralien tragen. Wie schon gesagt, die Masse der Kristalle in Lavrion ist Micro-Material, von den Seltenheiten mal ganz zu schweigen. Aber betrachten wir die Situation einmal detailierter.
Halden: Wer Lavrion besucht, dem wird auffallen, wieviele Halden es in dem Landstrich gibt. Nun besuchen die meisten Sammler regelmäßig die "Große Halde" bei Aghios Konstantinos. Diese scheint auf den ersten Blick wie leergefegt zu sein, besonders wenn man die Halde mit dem Erscheinungsbild von vor 10 Jahren vergleicht. Dennoch gelingen immer noch schöne Funde im Kleinstufen- und Micro-Format. Andere Halden in Lavrion sind dagegen oft komplett steril, was nicht heißt, daß es keine weiteren fündigen Halden gibt.
Im gesamten Gebiet gibt es eine Reihe weiterer fündiger Halden, die z.T recht erstauliche Fundergebnisse liefern. Eine unscheinbare, graue und teilweise rostige Halde in der Nähe des Hilarionstollens, schien mir über die Jahre hinweg als nicht einmal erwähnenswert, bis ein deutscher Freund in der Nähe dieser Halde eine Wagenladung Lavendulan-Materials gefunden hat. Nachträglich kann gesagt werden, daß dieses Material absolut identisch mit den Untertagefunden des Lavendulans aus dem Hilarion-Minenegebiet war. Kaum 300m entfernt entdeckte er am Straßenrand Blöcke mit Beudantit und Karminit. Dies soll aufzeigen, daß auch dem Sammler der nur obertägig sammeln möchte, geradezu unbegrenzte Möglichkeiten offen stehen. Natürlich wird er nur in Ausnahmefällen mal eine Handstufe finden, aber für den eifrigen Micromounter ist noch viel zu tun.
Untertage: Ich möchte hier noch einmal betonen, daß Besuche der Minen prinzipiell verboten und zudem eine gefährliche Angelegenheit für nicht geübte oder unerfahrene Sammler sind. Wird man aber einmal von erfahrenen Sammlern geführt, so wird man schnell erkennen, warum Lavrion für viele Sammler eine "Sucht" darstellt. Gedrängt von dem Wissen, daß hinter jeder Ecke, hinter jedem Durchschlupft und in jeden Stollen ein Fund warten kann, wird man sehr bald einsehen, daß es Unmöglich ist die Untertagewelt Lavrions in einem Urlaub kennen zu lernen. Dafür reicht vermutlich ein ganzes Sammlerleben nicht aus. Und Funde an Stellen, an denen ich schon mindestens 30 mal vorbeigelaufen bin, beweisen, daß es wirklich überall zu Funden kommen kann. Wohlbemerkt für Kleinstufen und Micromounts. Andererseits gibt es einige Fundstellen, die noch für mindestens 10 Jahre Mineralien beinhalten, und an denen es auch Überraschungen geben kann. So ergibt es sich bei jedem Besuch der Minen, daß mein Rucksack voll mit interessantem Material ist.
Lavrion ist eigentlich ein Sammelgebiet für den Feinschmecker. Allein die Farben und Formenvielfalt des in Lavrion eher massenweise vorkommenden Adamins wird schnell den Ästheten in den Bann ziehen. Und dabei spielt es eigentlich keine Rolle woher das Material stammt. Ob nun gekauft, gefunden oder getauscht, in jedem Fall bereichern lavrionitische Mineralien eine Sammlung. Und selbst mir, der sich auf die häufigeren Mineralien konzentriert, gelingt es in jedem Urlaub viel neues und interessantes für meine Sammlung zu finden.
So betrachtet, ist die Fundsituation in Lavrion excellent für Kleinstufensammler und Micromounter und gut für Sammler größerer Stufen, wenn sie bereit sind auch extreme Aufwendungen zu betreiben und das Gebiet jahrelang zu durchforsten.